Wenn Dinge anders laufen

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Regelmäßig berichten wir über die Erfolge unserer Mikrokreditprojekte. Wir schreiben darüber, wie die Kleinunternehmen das Leben unserer Projekt-Teilnehmer und ihrer Familien verbessern, die diese dank des zusätzlichen Kapitals und Beratungen gründen oder ausbauen können. Aber auch wenn eine überwiegende Mehrheit unserer Teilnehmer ihre Mikrokredite vollständig zurückzahlt, gibt es bei mittlerweile über 160 vergebenen Krediten auch einige, die nicht oder nicht vollständig zurückgezahlt werden konnten. Was passiert dann? Das werden wir in beinahe jedem Vortrag, den wir halten gefragt. Deshalb möchten wir euch hier einige Beispiele geben.

Wie wichtig bereits die richtige Auswahl der Kandidaten ist, zeigt sich an einem traurigen Beispiel auf den Philippinen. Hier wollte eine motivierte Mitarbeiterin uns und unsere Spender glücklich machen, indem sie möglichst viele Kredite vergab. Da sie genau wusste, was unsere Kriterien waren, konnte sie auch die perfekten Kandidatenprofile erstellen und Geschäftspläne beifügen. Erst als wir uns von ihr getrennt hatten, stellte sich heraus, dass sie auch die Geschäftspläne der Teilnehmer selbst geschrieben hatte – und die angeblichen Kleinunternehmer nie ein eigenes Unternehmen gegründet hatten. Umgerechnet ca. 180 € konnten nicht zurückbezahlt werden. Für das verbleibende Team unserer Partnerorganisation war dies ein sehr eindrückliches Lernerlebnis und die Sorgfalt, mit der sie seitdem an die Vergabe von Kleinkrediten herangehen, ist beispielhaft.

Manchmal sind es jedoch auch tragische Umstände, die dazu führen, dass ein Kredit nicht vollständig zurückbezahlt werden kann. Bei Nur Walidayah aus Indonesien verstarb ein Familienmitglied, als sie fast den gesamten Mikrokredit zurückgezahlt hatte. Für sie bedeutete das, dass sie sofort ihren Wohnort Denpasar verlassen und damit auch ihre Bäckerei aufgeben musste, um sich fortan um ihre Eltern zu kümmern.

Angelo, der sich mit einem kleinen Friseurladen das tägliche Brot erarbeitete, musste erleben, dass erst sein Geschäft und dann seine Hütte dem Erdboden gleichgemacht wurden, weil sie direkt an der Hauptstraße standen, wo ein Bauverbot galt. Das hatte nur in den vergangenen Jahrzehnten niemand eingehalten und Angelo konnte sich einfach keine andere Gegend leisten. Obwohl er sichtlich geschockt von der Situation war, kommunizierte er direkt mit uns und wir stundeten seinen Kredit.

„So wie wir jeden Teilnehmer vor der Kreditvergabe und während der Rückzahlung individuell behandeln, geschieht das auch, wenn Probleme auftreten,“ erklärt Tobias Schüßler, unser Vorstandsvorsitzender. „Wir helfen den Menschen, denen eine Bank niemals Geld leihen würde. Da ist klar, das es auch mal zu Ausfällen kommt.“

In den Fällen, in denen die Teilnehmer offensichtlich nie ein Kleinunternehmen aufgebaut hatten und das auch nicht wollten, konnten wir auch nichts tun, außer ab und zu vorbeizuschauen und sie an ihre Verpflichtung zu erinnern. Bei einigen half das und sie zahlten Teile davon zurück, womit wir wiederum motivierten Kleinunternehmern helfen konnten.

In Krisensituationen ist die Lage eine ganz Andere. So war bei Nur Walidayah gleich klar, dass wir sie nicht zur Rückzahlung der verbleibenden paar Euro zwingen würden. Angelo suchte selbst Auswege aus der Situation, indem er auf Hausbesuche auswich. Das nutzten die Mitarbeiter unserer Partnerorganisation Project Life Subic direkt aus und ließen sich von Angelo die Haare schneiden.

Abschließend erklärt Schüßler: „Generell berechnen wir in solchen Situationen keine Strafzinsen oder Gebühren. Wir sind da, um den Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen. Wenn wir das erreichen, indem ein Mikrokredit erst nach einem Jahr statt nach 6 Monaten zurückbezahlt wird, sind wir damit auch zufrieden.“

So wie bei Sunariyah aus Indonesien, die mehr als doppelt so lange brauchte, um den Mikrokredit für ihre Nähmaschine zurückzuzahlen. Am Ende jedoch hatte sie trotzdem eine sehr erfolgreiche Änderungsschneiderei aufgebaut.

 

Autor: Tobias Schüßler